19.10.2017

Deutsch ist eine schwere Sprache

von Yvonne Rau

Warum heißt es im Deutschen „die Frau“, aber „das Mädchen“, wo es doch auch „der Mann“ und „der Junge“ heißt? Und wie erklärt man das Wort „doch“? Berechtigte Fragen, die meist aufkommen, wenn man gerade erst angefangen hat, Deutsch zu lernen. Wie selbstverständlich nehmen wir unsere Grammatik wahr, beim Erklären unserer Sprache stellt man jedoch schnell fest, wie schwer sie eigentlich ist. Seit Februar 2016 treffe ich mich deshalb mit Asiah aus Myanmar, die der Bevölkerungsgruppe der Rohyngia angehört. Als vierfache Mama hat sie viel zu tun und freut sich über jede Unterstützung beim Deutschlernen. Um ihre Fragen zu beantworten und neue Vokabeln zu erklären, muss ich mir manchmal so einiges einfallen lassen: Lautmalerei, Pantomime, Zeichnen. Quasi „Tabu“ für den Alltagsgebrauch.

Warum mache ich das?

asiatisch essenErstens: Ich glaube, dass Sprache eine der wichtigsten Stellschrauben ist, wenn es darum geht, sich in einem fremden Land zurechtzufinden. In einem Land zu leben, in dem ich nichts verstehe, nichts lesen oder mich nicht unterhalten kann, ist für mich eine Horrorvorstellung. Ich würde mich dann auch freuen, wenn mir jemand helfen würde, eine neue Sprache zu lernen.

Zweitens: Es macht mir Spaß. Asiah und ich brüten nicht immer nur über Büchern. Wir gehen auch mal auf den Cannstatter Wasen, einkaufen oder hören Musik. Auch mit den Kindern unternehmen wir viel. Die sind übrigens gern dabei, wenn wir gemeinsam lesen und schreiben. Sie können bereits sehr gut Deutsch und helfen mir immer wieder beim Erklären.

Drittens: Ich lerne selbst etwas dazu. Neue Rezepte zum Beispiel. Seit ich Asiah kenne, stehen auch Gerichte aus Malaysia und Thailand auf meinem Ernährungsplan. Oft essen wir auch gemeinsam. Darüber hinaus lerne ich eine fremde Kultur besser kennen. Ein Vorteil für unsere Deutschstunden ist übrigens, dass in Myanmar auch viel Englisch gesprochen wird. Dadurch brachte Asiah schon Kenntnisse in unserer Schreibweise mit.

Wie bin ich zu diesem Ehrenamt gekommen?

Ich hatte ohnehin schon mit dem Gedanken gespielt, mich ehrenamtlich zu engagieren. Dann hat mir eine Kollegin von ihren Erfahrungen erzählt. Sie hat syrischen Frauen – allesamt Analphabetinnen – Deutsch beigebracht. Auf ihre Empfehlung hin habe ich mich beim Freiwilligenzentrum Caleidoskop der Stuttgarter Caritas gemeldet und einige Wochen später Asiah und ihre Familie kennengelernt.

Damit ich das Ehrenamt antreten konnte, musste ich ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorweisen. Hauptsächlich, weil ich einer Familie mit Kindern zugeteilt wurde. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt und war anfangs noch sehr unsicher, ob das etwas wird. Es wurde. Die gemeinsamen Lernstunden möchte ich nicht missen. Ich habe neue Freunde gewonnen. Ich kann jedem, der mit dem Gedanken spielt, selbst aktiv zu werden, dazu raten, es einfach zu versuchen. Einfach machen. Und wenn es doch nichts für einen ist, ist man trotzdem um eine Erfahrung reicher.

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